Bukowski-Revue macht Retro-Abend zu einem Kunst-Stück – Ein Bericht von Wolfgang Hein

„Wenn der Schlauch eines Autoreifens den Hügel herunterrollt“

5 Gedichte, 2 Geschichten und 10 Songs bei der Premiere von »Flinke Killer«
Bukowski-Revue macht Retro-Abend zu einem Kunst-Stück.
Wolfgang Hein / Gütersloh (Text und Fotos) war für golbblog dabei.
Auftritt am: 26.01.2018, 19:30 Uhr, im Salon Haartolle, Nordring 15, 33330 Gütersloh

Wenn Du heute um die sechzig bist und in deinem Bücherschrank kramst, dann findest Du in angestaubten Ecken Schriften, die dich in frühen Lebensphasen beeindruckten und begleiteten. Vielleicht gebunden, vielleicht als Nachdruck aus dem 2001-Verlag. Vielleicht die Bibel, die deine Patentante zur Konfirmation verschenkte, vielleicht auch das Kamasutra, das eine Freundin als Rat und Hinweis bei der ersten Trennung zurückließ. Vielleicht auch schmale Bändchen eines verpönten Amerikaners, Charles Bukowski. Ich kenne diese Zeit. Sie war manchmal hart. Und »Buk« schrieb das alles an unserer Stelle auf.

Wir verweigerten den Kriegsdienst, finanzierten der ersten Liebe ihr Studium in der Provinz. In Berlin brannten Springers Zeitungsbullis. Polizei knüppelte Frauen und Männer. Ein junger Mensch lag blutend auf der Straße, totgeschossen. In »Buk«’s Büchern hingegen ging es vor allem um »Nüsse«. »Schwänze« und den Suff. Niemand vorher und nachher fasste unsere Selbstzweifel klarer und schärfer in Worte als er. Ich lese ihn heute noch, manchmal, wenn die Erinnerung verschwimmt, wenn mir kein beschwichtigender Satz von Rainer Langhans die damalige Zeit erklärt: „Zu unseren Zeiten galt es als provokativ, sich anderen Menschen nackt zu zeigen.“

Der »Nipplegate-Skandal« um Janet Jackson oder die Facebook-Rules über unbekleidete Frauenbrüste zeigen: Die Welt ist noch prüder geworden. Charles Bukowski ist nicht angesagt – trotz »Generation Porno« und der gesellschaftlich akzeptierten Möglichkeit, persönliche Sexualitäten ausleben zu können. Es gibt also immer noch gute Gründe, Charles Bukowski die Bühne zu bereiten. Eine Gruppe freier SchauspielerInnen und Musiker aus Gütersloh nimmt sich deshalb seiner an. Mit »Flinke Killer« kommt ihre vierte Auflage einer Bukowski-Revue im Kesselhaus der Gütersloher Weberei zur Uraufführung.

Jemand, ein Mann, betrachtet aus einer Bühnenecke heraus das Theaterpublikum, sitzend auf einem Stuhl. Stoisch, regungslos, breitbeinig, den Bierbauch voran gestreckt. Erst nach genauerer Betrachtung wird klar: Er ist eine Figur, ausgestopft, mit einem Kopf aus Ton, trägt Kräuselbart und vernarbte Gesichtshaut. Das könnte Charles Bukowski sein, der den Weg in die Provinz gefunden hat. Ist es aber nicht, er ist bekanntlich lange tot. Doch seine vielen Fans lieben ihn weiterhin und genießen, wenn dessen Werke auferstehen.

Durch den Raum schwebt der Geist des Apoll. Zwei Stunden lang spüren die Premierengäste die Flüchtigkeiten dieses Augenblicks. Das »Theateratelier«, im Kulturzentrum beheimatetes Ensemble anspruchsvoller Laienschauspieler, hatte zu seiner neuen Bukowski-Revue geladen und entwickelt dabei einen Retro-Abend zu einem künstlerischen Ereignis. Bei »Flinke Killer« liest es aus verschiedenen, in den 80er Jahren entstandenen Gedichten und Kurzgeschichten. In Verbindung mit Liedbeiträgen des Duos WaldenHeißmann aus gleicher Zeit entsteht dabei ein atmosphärisch dichtes Bühnentheater, das die Besucher in eine prägende Epoche zurückversetzt und leider – wenn am Ende des Abends das Saallicht eingeschaltet wird – wieder in die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts entlässt. 

Unter der Leitung von Frank Salomon-Neumann wird die Vorstellung mit Werken eines unangepassten Außenseiters zu einem Kammerspiel. Seine Mitvorlesenden, Tasja Heintz und Manuela Kramer, im realen Leben Tochter und Mutter, verleihen den Rollen der jungen Ungestümen und der älteren Verständigen wirklichkeitsnahe Tiefe. Mit ihrem Sprachklang und ihren Stimmlagen machen sie das von »Buk« beschriebene prekäre Leben am Rande der Gesellschaft glaubwürdig. Salomon-Neumann selbst, in der Rolle von Bukowskis Alter Ego Hank, lässt sich mit lüsternen Mundwinkeln und arroganter Stirn auf die Gedankenwelt des zur Kultfigur gewordenen Autors ein; So entwickelt sich beim Publikum ein dichtes Kopfkino. In Bukowskis starker Sprache, hart an der Grenze zur Pornografie, zwischen rotzigen Zeilen und einem schnellen Schluck aus dem Weinglas, werden Szenen lebendig, die der Einzelne eher nicht selbst erleben möchte, die aber manchmal doch Teil eines persönlichen Erfahrungsschatzes geworden sind.

Bukowskis Texte mit Musik kombiniert auf die Bühne zu bringen ist keine neue Idee. Michael Kiesling mischte sie Ende der 90er Jahre erfolgreich mit Songs von Tom Waits. Jochen Walden und Jan Heißmann hingegen überbrücken die Textvorträge auf einem eigenen Weg, singen dunkel und schwermütig Lieder von Depeche Mode bis Jonny Cash, ganz reduziert, ganz stolz. Heißmanns Elektrogitarre sucht zwischendrin ergebnislos nach einer Verbindung zwischen Rock’n Roll und Heavy Metal, darf nur ganz sporadisch ausbrechen aus dem strengen Korsett der Inszenierung, bleibt dabei sehr feinfühlig und hintergründig. Welches Glück, dass diese beiden gereiften Musiker zueinanderfanden und auf das Theaterensemble trafen. „Aus Zufall,“ wie sie sagen, „bei der Probe mit einer anderen Band.“ Seitdem sind sie unzertrennlich. Und bereichern die Theaterbühnen.  Fotos und Text: Wolfgang Hein

 

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