SWAN SONG OPERETTA – Eine Einladung auf ein Experiment in der Gütersloher Weberei

SWAN SONG OPERETTA –
ein anarchisches Theater aus Berlin bat zu Workshop und fragmentarischer Aufführung in die Gütersloher Weberei.
Die Aufführung fand am 15.10.2017 statt. 

Ein Bericht von Wolfgang Hein. Alle Fotos: Wolfgang Hein

Eine Einladung auf ein Experiment

Nach ihrer Vision ist Kunst ein fortdauernder Prozess, der auch das Publikum einbezieht. Deshalb gibt es offene Proben und Workshops. Sie haben ein Buch mit dem Ursprungstext der Operetta und den Partituren der meisten Lieder veröffentlicht. Jedermann kann sich seitdem den Swan Song aneignen. 

Ein Teil des Ensembles war einen Sonntag lang zu Gast in der Gütersloher Weberei und goss dabei ein Füllhorn voller Ideen aus:
Alles beginnt mit der Schließung des »Bierhimmel«. Tante Auguste, Wirtin einer typischen Eckkneipe in Kreuzberg, wollte nur für ihren Kiez da sein, musste aber nach und nach dem Ansturm der Touristen weichen. Mancher Gast schluckt das oder pöbelt und geht dann woanders hin. Nicht so ein Künstler, dem ohne seine Lieblingskneipe eine tiefe Krise droht. 

Malerinnen, Schreiberinnen und Komponistinnen, die »Wedding Band« – eine Kapelle, die weder aus dem Wedding stammt noch je auf einer Hochzeit musiziert hat – spürten früh die ersten Schwingungen eines Bebens, das uns heute nicht nur in Kreuzberg, nicht nur in Berlin, auch in der westfälischen Diaspora erschüttert. „Eines unserer vielen Themen ist die Veränderung der Stadt und der geborgte Moment, in dem wir leben,“ sagt Christine Kriegerowski. „Mirjam Junker, eine unserer Darstellerinnen, und Autorin Keren Ida Nathan prozessieren jetzt seit acht Jahren gegen ihren Vermieter, um keine teuren Modernisierungen und die daraus folgenden Mietsteigerungen erdulden zu müssen.“

Kriegerowski arbeitet viele Jahre im Ensemble der »Swan Song Operetta«, einer sich ständig aktualisierenden Romeo&Julia-Geschichte aus dem Berliner Untergrund. Vier jeweils abendfüllende Akte wurden in den vergangenen acht Jahren geschrieben, geprobt, diskutiert und inzwischen uraufgeführt. Die erste Gesamtaufführung erfolgte im Sommer dieses Jahres in den Räumen der nGbK, der »neue Gesellschaft für bildende Kunst« in Berlin. „Viele fühlen sich von den massiven Strukturveränderungen in der Nachbarschaft existenziell bedroht,“ sagt sie. „Die Operetta ist unsere künstlerische Auseinandersetzung mit der Unerbittlichkeit und Ausweglosigkeit dieser Lage“. Ja, sie lassen Welten aufeinanderprallen.

»Swan Song Operetta«, ist bestes Antitheater, »demokratisches Theater«, wie es zum Ende der 60er Jahre in einer politischen Umbruchzeit entstanden ist und in den Nischen der Berliner Subkultur bis heute überwintern konnte. Jeder bemüht sich, einen Ton zu treffen, der seine Befindlichkeit mitteilt, und der kann auch mal falsch sein. Und »jeder« muss nicht Teil des Ensembles sein. Das passt genau in unsere Zeit, in der die Suche nach Identität im Umfeld globaler Veränderungen – jetzt sagt man dazu wieder »Heimat« – in den Mittelpunkt gerät. Öffentliche Proben sind dem Ensemble Mittel zum Zweck. Und die müssen nicht nur in Berlin-Kreuzberg stattfinden. 

Sondern auch in Gütersloh, in der prosperierenden westfälischen Provinz. Welchen Input nimmt die Operette mit aus einer Stadt, die soeben den Sprung unter die Großstädte schafft? Trotz seines übermäßigen Investitionsplanes die Schulden um mehr als 25 Prozent vermindert und immer noch einen Haushaltsüberschuss von vielen Millionen anhäuft? Dass die Verhältnisse so unterschiedlich nicht sind! Trotz – oder wegen – des kontinuierlichen Aufschwungs gibt es auch in der Provinz einen starken Verdrängungswettbewerb. Von Inhabern geführte Ladengeschäfte haben längst aufgegeben, die Einkaufszone ist gesichtslos mit austauschbaren Ladenketten und Outlets besetzt. Die Zahl unperfekter, entschleunigender Eckkneipen nimmt dramatisch ab. Elegante Cafeterias sowie exquisite Bistros und Restaurants buhlen an ihrer Stelle um zahlungskräftige Kundschaft.

Das Thema der »Swan Song Operetta« ist ein allgemein gültiges, ein generelles Thema unserer Zeit. Deshalb weiter gefragt: Was kann Gütersloh von der Operetta lernen?

Gütersloh ist nicht Berlin. Noch wird hier gewachsene Kultur nicht zerstört. Aber sie hungert vor sich hin. Es gibt in Gütersloh und seinem Einzugsbereich zahlreiche Kulturvermittler, Künstlerinnen und Künstler, die ambitioniert und mutig an hoher Qualität arbeiten. Ihnen zeigt die Operetta: Es kommt nicht immer auf das Endergebnis an. Ein kontinuierlicher Prozess steht dem künstlerischen Ergebnis nicht im Weg – im Gegenteil. Er schafft Räume für Reflektionen und Anpassungen an sich verändernde Verhältnisse, bildet Räume für politische Prozesse.

Die Botschaft der Operetta kann nur lauten: Es geht nicht um neue Geschäfte und Bürogebäude, sondern um Nachbarschaft, Austausch, Spiel- und Freiräume, Experimentierfelder. Die sich daraus ableitenden Fragen für Gütersloh lauten: Wird der Stadtteil Sundern bald das Gütersloher Prenzlberg? Oder Kattenstroth das Kottbusser Tor? Die »Swan Song Operetta« geht nicht auf Mission, sondern sucht eine demokratische Auseinandersetzung, in die die Teilnehmer des Workshops einbezogen waren, Einfluss nehmen konnten, indem sie ihre Geschichte hinzufügen.

Mit der »Swan Song Operetta« war ein Volkstheater in der Weberei zu Gast. Ihre Initiatorinnen sind großartige Künstler, aus einem Zwischenbereich, nicht traditioneller Malerei oder Skulptur, nicht reiner Musik oder großem Theater, immer in Zusammenarbeit mit Laien oder Spezialisten aus anderen Gebieten, immer unterwegs. In einem einzigartigen Cross-Over. Das Ensemble warnt, Veränderungen einfach hinzunehmen. Das sollte Mut machen, es ihm nachzutun.

–––––––
Der Workshop und die fragmentarische Aufführung der »Swan Song Operetta« wurden vom Land Nordrhein-Westfalen und der Stiftung der Sparkasse Gütersloh finanziell ermöglicht. 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.