Fast 50 Jahre EMBRYO – ein Rückblick von Günter Scheding

Günter Scheding: fotografiert von Gábor Wallrabenstein, Foto von Marja Burchard im Titelbild: Enrico Rolandi

Weil ich EMBRYO schon lange kenne, schätze ich sie – und weil ich Christian Burchard ganz besonders schätze, kenne ich viele der Musiker, die bei EMBRYO gespielt haben. 1968 baten mich die „Macher“ der Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck. doch mal ein paar Bands anzufragen, das Programm des BURG WALDECK-Festivals 1969 über die Folklore hinaus musikalisch zu bereichern: Amon Düül aus München und die gerade gegründeten EMBRYO standen auf meinem Plan, doch aus terminlichen Gründen klappte das nicht. Dort waren dann Missus Beastly, Guru Guru Groove, Tangerine Dream, Sixty Nine, Soul Caravan (später Xhol), Checkpoint Charlie, Paul und Limpe Fuchs dabei – neben Hannes Wader, Reinhard Mey, Walter Mossmann, Franz Hohler, Rolf Schwendter und anderen. Thema des Festivals: Gegenkultur! Wie dem auch sei, die Verbindung war geknüpft und besteht bis heute. 1971 dann kamen EMBRYO in die ostwestfälische Provinz zum ersten „Umsonst&Draußen“-Festival und spielten u. a. mit Xhol, Franz K., Canaan, Nine Days Wonder, Virus, Jack Bone Group, Weed und vielen anderen … Auch noch in den frühen 70ern fragte dann der Jugendkulturring Bielefeld bei mir an, ob ich nicht eine Band wisse, die mit den städtischen Philharmonikern zusammen spielen könnten, weil die niederländischen EKSEPTION, die ihre Musik „Symphonic-Rock“ nannten und klassische Themen beat-lastig neu interpretierten, nicht zur Verfügung standen. Zusammen mit Christian und den damals bei EMBRYO spielenden Musikern bestanden wir darauf, daß auch zwei von EMBRYO komponierte Stücke gemeinsam mit dem Orchester gespielt würden. Es wurde ein großer Erfolg für die Bielefelder Philharmoniker und EMBRYO in der Rudolf-Oetker-Halle – vor allem Dieter Miekautsch brillierte mit einem fulminanten Keyboard-Solo …, aber vorher mussten die Noten noch geschrieben werden. Das passierte auf dem Fußboden in der Oefele-Straße in München, wo die Musiker zusammen in einem Hinterhofgebäude lebten. Ich kann mich gut erinnern, dass die Noten sich manchmal selbstständig machten und über das Blatt an ganz andere Stellen als gedacht hüpften …, die Flöhe komponierten gerne mit …

Foto: EMBRYO, Quelle Günter Scheding

Beweglich zeigten sich die Musiker nicht nur, was die Erfahrung im Austausch mit anderen Musikkulturen anging, sondern auch das „Abenteuer“ auf der Straße dorthin zu kommen, wo faszinierende, althergebrachte und auf unbekannten Instrumenten gespielte Töne oft seit Jahrhunderten lebten und gelebt wurden. Da sind die vielen Reisen nach Marokko (auch zu den Gnawa), die Reise zu den Yoruba im Süden Nigerias – aber vor allem die große Reise auf dem Landweg nach Indien. Christian schickte mir von unterwegs immer wenn er konnte Tonbandkassetten, die ich bearbeitet in der WDR-Radiothek senden konnte. So waren auch hier Hörer nah daran, wenn in Ankara im Hintergrund zur Musik Bombengeräusche zu hören waren, in Afghanistan ein damaliger Minister auf der Rubab spielte, in Pakistan Kinder und Erwachsene im Zirkus freudig johlten, in Kalkutta das Jazz Yatra gespielt wurde und vieles mehr.

Foto: EMBRYO, Quelle Günter Scheding

Immer wieder also reisen, erfahren, erleben, wachsen …

Und EMBRYO gehörte dann auch zu denen, die maßgeblich den ersten Musikvertrieb in den Händen der Musiker gründeten – erst April, dann Schneeball. Wenn ich mich recht erinnere war das erste Treffen auf der Burg Münzenberg in Rockenberg (welch wundervolle Namen für so ein Projekt): Rio Reiser war gerade mit dem bayrischen Filmpreis für seine Darstellung des „Johnny West“ ausgezeichnet worden, Friedemann Josch vertrat Missus Beastly, Nickel Pallat war dabei – genauso wie Uwe von Trotha von Checkpoint Charlie und einige andere. Und so wurde aus der Taufe gehoben, was heute als Anfang der Indipendent Labels gilt … 

Immer wieder mal trafen wir uns in München oder bei tollen Konzerten, besonders die mit Mal Waldron oder Charlie Mariano oder dem Karnataka College of Percussion. Letztere haben dann z. B. mit vielen Menschen nach einem Konzert in der Hamburger „Fabrik“ bei uns im Dorf am nördlichen Stadtrand übernachtet und ein tolles Konzert am Nachmittag auf dem Sportplatz abgeliefert … Ach ja, da war dann noch das Gespräch zur Zusammensetzung von den DISSIDENTEN bei Hartmut Bremer in der Nähe von Friedland, Uli Balß von Jaro war auch dabei, und so wird Christians musikalische Leistung und Bedeutung aufgenommen und weitergeführt – von EMBRYO natürlich auch, jetzt mit dem musikalischen Multitalent Marja Burchard als „Spirita Recta“ …

Marja Burchard, fotografiert von Enrico Rolandi

Und noch zwei kleine Anmerkungen: Ohne die beiden wundervollen Frauen Eva und Sliwka Pluwatsch gäbe es EMBRYO nicht – jedenfalls nicht in dieser Form.

Günter Scheding

embryos Album „It Do“US 0479.  VÖ: 7.10.2016 Vinyl und CD http://www.embryo.de