Püppchen, Schühchen, Krötenschleim: Fotocollagen von Cornelia Teiner in der auto-kultur-werkstatt

Die treppenhausgalerie in der auto-kultur-werkstatt (akw) in der Teichstraße 32 in 33615 Bielefeld zeigt vom 27. September bis 20. Oktober 2013 Fotocollagen von Cornelia Teiner aus Spenge. Die Galerie ist geöffnet: Sa. 14 – 18 Uhr und nach Vereinbarung.

Die in vermeintlich romantischer Harmlosigkeit inszenierten Märchen- und Mythenbilder der Künstlerin erzählen vom Scheitern, Versagen und Aufbegehren. In irritierender Formensprache hinterfragen ihre Fotocollagen Frauenrollen, die das heranwachsende Mädchen seit der Biedermeierzeit bis heute im Spiel auch mit niedlichen Puppenstuben und Püppchen bewusst und unbewusst einübt.

Zur Eröffnung der Ausstellung erfolgte eine kurze Einführung durch Elke Werneburg. Dr. Adele Gerdes las Texte von Philipp K. Dick und Siri Hustvedt.

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Lassen wir Cornelia Teiner selbst zu Wort kommen:

»Mein Konzept für das Fotoprojekt »Püppchen, Schühchen, Krötenschleim«

»Identität muss immer neu formuliert werden und hängt von vielen Faktoren ab. Das Selbstbewusstsein der Frau in der Geschichte des Subjekts ist ein grundsätzlich anderes, als das des Mannes.teiner_002

Ich inszeniere Püppchen, Puppen, Mädchen und Frauen im Umfeld bürgerlicher Requisiten und deute in der Konstellation der Figuren entstehende psychische Strukturen in den kleinsten Gruppen unserer Gesellschaft an. Kultur, Gesellschaft, so wie die Familie prägen den Menschen. Die Frage nach dem Subjekt ist in dieser Arbeit mein Thema. Dabei setze ich die Verstörung des Individuums, Mädchen und Frauen in verschiedenen Rollen ins Bild. So hinterfrage ich die „gute Mutter“, deren Tochter sich wehrt, verzerrt in ohnmächtiger Wut gegen Dominanz und Unnahbarkeit. Hierbei erzählt meine Arbeit auch vom Kind: einem in seiner Individualität verletzten Wesen, dass schon in der Familie Kontaktunfähigkeit und seine ersten Eindrücke von sprachlicher, psychischer, eventuell sogar körperlicher Gewalt erfährt und das die von innen nach außen verlogene Bürgerlichkeit als Raster von Normen kennenlernt. Derart in seiner Entwicklung geprägt, verzerrt Subjektwerdung in mancher Hinsicht zur Maskerade. Ich frage, inwieweit es eine sich wirklich selbst bestimmende authentische Persönlichkeit überhaupt geben kann. Meine „Geschichten“ inszeniere ich vielfach in Puppenstuben, welche im 17. und 18. Jahrhundert zunächst nur Anschauungs-Objekte der reichen Patrizierfamilien waren, Hausminiaturen, die den Reichtum ihrer Besitzer spiegelten. Seit der Biedermeierzeit aber gehören sie zum geschlechtsspezifischen Spielzeug, das Mädchen auf die Rollen als Mutter und Ehefrau, Hausfrau, Krankenschwester, Kindermädchen… vorbereiten sollte. Gehobene Bürgerfamilien galten als Vorbilder.teiner_003teiner_004

Die Puppenstubenkulissen  meiner kleinen „Theaterstücke“, die sich thematisch auf unser Kulturgut beziehen, bilden „gute alte Zeiten“ ab, aus denen wir unser heutiges Selbstverständnis entwickelt haben. Da es in meinen Arbeiten aber auch um die Psyche des Menschen geht, sollen die symbolischen Kulissen teilweise traumartigen Charakter entwickeln.teiner_005 teiner_006 teiner_007

Mit künstlichen Protagonisten in der Umgebung romantischer Harmlosigkeit weise ich auf Geschlechterzuschreibungen hin: Die dargestellten Situationen zeigen „Personen“ (Puppen mit menschlichen Zügen oder „Menschen“ mit Puppengesichtern), deren (Selbst-)bild infrage gestellt, verzerrt auftritt. Das „märchenhafte Familienglück“, aus dem heraus sich unser „Ich“ entwickelt, führt in meinen Puppenstuben zu Missstimmungen, die ein enttäuschtes „Selbst“ zurücklassen.  Die entmenschlichten Figuren, sprachlos und einsam, stehen für die vergebliche Suche nach individueller Identität, aber auch für körperlich und psychisch erfahrenes Leid.teiner_008 teiner_009 teiner_010

Hierbei zitiere ich Märchen und beziehe mich auch auf griechische Sagen und Mythen.Sind es Großmutter, Mutter, Tochter oder die drei Moiren aus der griechischen Mythologie, die auch für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stehen, indem sie den Lebensfaden halten – oder handelt es sich um Rapunzel mit Kind und Stiefmutter und das Ganze bleibt ein böses Märchen? Während Medusa  jeden, der sie anblickt, erstarren lässt (oder erfährt der „helle Kopf“ den Kuss der Schlange, trennt womöglich hier die Zivilisation den Kopf vom Körper?), erstirbt Eurydike zur Puppe, als Orpheus („Orphelia“) sich nach ihr umsieht. Meine Bilder handeln vom gefangenen und in die Einsamkeit verschleppten Prometheus (in dieser Ausstellung nicht gezeigt), zu sehen im Augenblick der täglichen Qual durch den Adler Ethon oder vom augenblicklichen Wunsch  nach Verwandlung zu einer echten Frau Galatea (siehe  Pygmalion), also auch vom Augenblick in dem hier die Künstlerin scheitern muss: Augenblick.teiner_011 teiner_012 teiner_013

Meine künstlerische Arbeit thematisiert das Scheitern vom heimatlichen Glück in vermeintlich sicherem Umfeld (z. B. auch im Bild: Nemesis), handelt von Entfremdung, Aufbegehren und Versagen, aber auch von Entwicklung, Selbstwahrnehmung, vom beginnenden Selbstbewusstsein: z. B. Anima.teiner_014 teiner_015 teiner_016

So, wie ich gesellschaftliche Rollen als Maskerade hinterfrage, ist für mich auch die Natur, die vom Menschen und seiner Kultur geprägt wird, ein kulturelles Ambiente. Die Puppenstube – als Kulisse meiner  Inszenierungen – steht daher für kulturellen Ersatz einer natürlichen Umgebung. Dort aber, wo ich vermeintliche Realität als Kulisse verwende, mag diese als Aussage zu lesen sein.teiner_017 teiner_018 teiner_019 teiner_020

Die Pose meiner Figuren verrät psychische Erstarrungen und weist auf die Kälte der in Not geratenen zwischenmenschlichen Beziehungen, die zur inneren Einsamkeit geführt haben. Die Frau antwortet mit Depression und Hysterie. Ihre Subjektwerdung entwickelt sich aufgrund einer endlos erscheinenden Kette kultureller Zuschreibungen von „Weiblichkeit“  zur Leerstelle, welche der Philosoph Derrida in seiner Sprachphilosophie mit dem Begriff der „différance“ herausgearbeitet hat. Referenzen deuten auf ein verstricktes, verwobenes aber nicht (mehr) zu erkennendes Subjekt, dessen Entwicklung wir versuchen nachzuvollziehen, das sich aber in seinem Ursprung jeder eindeutigen Erklärung entzieht. So bleibt die Frage offen, was oder wer der Mensch als Individuum ist und wer er sein könnte.teiner_021 teiner_022 teiner_023 teiner_024 teiner_025

Gedanklich versuche ich die Thesen der Feministin Judith Butler, das Subjekt sei aus Vorformulierungen und Einflüssen unserer Kultur entwickelt, mit den eigentlich unvereinbaren Thesen einer Barbara Duden, die das Entstehen des Subjekts in seiner Körperlichkeit betont, einer Körperlichkeit des physischen Erleidens, zu verbinden und im Bild auszudrücken.teiner_028 teiner_029 teiner_030 teiner_031 teiner_032 teiner_033

Für mich lässt sich das Ich auch  nicht von der psychischen Erfahrung im soziokulturellen Umfeld trennen. Somit geht es mir nicht nur um Dekonstruktion von Rollenbildern, sondern auch um die Emotion und deren Ausdruck. Hier denke ich an Sigmund Freud und beziehe mich ebenso auf Reimut Reiche, der das weibliche und das männliche Geschlecht als eine sich notwendig ergänzende Einheit ansieht.«teiner_034 teiner_035 teiner_036 teiner_037 teiner_038 teiner_039 teiner_040 teiner_041 teiner_042 teiner_043

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