Donnerstag, 3. April 2008 16:32
© Text: Gábor Wallrabenstein 2006
© Repros der Serigrafien: Bicker / Boström / Wallrabenstein 1978
Der Kohlehobel mit seinen Zähnen aus hochvergütetem Stahl schrammt etwa einen Meter über unsere Köpfe hinweg und frisst sich unersättlich in das tiefschwarze Flöz. Dicke, fettig glänzende Brocken Kohle mit hohem Heizwert brechen aus ihrer Millionen Jahre alten Ruhstätte und poltern lautstark auf den schnelllaufenden Gurtbandförderer, welcher das wertvolle Gut aus dem Erdzeitalter des Karbon zur nächstgelegenen Verladestation transportiert. Fritz Bicker, Jörg Boström und ich kriechen derweil in gebückter Haltung unter der gewaltigen Fördermaschine hindurch, die mit hunderten hydraulischen Stempeln den Druck des Berges von oben auffängt und damit verhindert, dass der Streb durch den gewaltigen Druck von oben in sich zusammengedrückt wird. Über eine Länge von ungefähr 80 m erstreckt sich das technische Wunderwerk, jedoch erscheint mir der Weg unter dieser Ausgeburt genialer Ingenieurshirne endlos: bei etwa 35 Grad Celsius, kaum Licht und einer Luft, die an diesem Ort von Kohlenstaub gesättigt ist, allerdings auch kein Wunder. In einer Nische schräg vor mir hantiert ein Bergmann an einer Schalttafel und überwacht verschiedene Anzeigeinstrumente. Zunächst kann ich ihn kaum sichten, da er über und über mit Kohlestaub bedeckt ist. Erst als ich zwei Schritte vor ihm stehe leuchten seine Augen aus dem tiefdunklen Schwarz. Im selben Moment fällt mir dieser saudämliche Kalauer ein, über dessen intellektuellen Gehalt man eigentlich nur den Kopf schütteln kann: „Schon mal einen Neger im Tunnel bei Nacht gesehen?” Jetzt verstehe ich ihn. Die Maschine arbeitet sich scheinbar selbstständig weiter in den Vortrieb hinein: Der gesamte mächtige Koloss schreitet auf seinen hydraulischen Stempeln nach vorn, dorthin, wo seine Zähne Platz und Luft geschaffen hatten. Gleichzeitig gibt sie dem Berg an ihrem hinteren Ende den Weg frei, und mit einem chthonischen Ächzen bricht der Fels in sich zusammen und versiegelt sich bis in alle Ewigkeit.
Ich verfluchte den Tag, als Jörg Fritz und mir das Angebot gemacht hatte, als Co-Aussteller am Bergkamener Bilderbasar 1978 teilzunehmen. Ein gewisses Gefühl von aufsteigender Panik mischt sich mit einer klaren Bewusstheit von absoluter Hilflosigkeit, sollte denn tatsächlich etwas passieren. So etwas wie eine Schlagwetter- oder Kohlenstaubexplosion oder ein Bergrutsch womöglich. Aber gleichzeitig gewinnt der Respekt vor den titanischen Leistungen dieser vielen tausend Menschen die Oberhand, die einen sicheren Bergbau und Kohleabbau erst möglich machen. Fragmentartig schießen Gedankenfetzen durch meinen Kopf und ich erinnere mich an die Aussagen des Obersteigers, der uns führt: „Schlagende Wetter gibt es bei uns nicht mehr, die Bewetterung wird durch ein ausgeklügeltes System der untertägig im Grubengebäude bewegten Luftströme sichergestellt. Frischwetter werden übertägig angesaugt und in die Grube geleitet, während Abwetter (die aus der Grube stammende Luft) gleichzeitig hinausgedrückt werden. Zudem sind alle elektrischen Einrichtungen gegen Funkenbildung geschützt.” Dieser Tatsache war es zu verdanken, dass wir allesamt mit „toten” Kameras, also ohne batteriebetriebenen Belichtungsmesser in den Schacht einfuhren, 1.200 m tief. So entstanden alle Fotos aus Erfahrungswerten nach dem Motto: „Blende acht – Sonne im Rücken – tut jedes Bild einen entzücken.” Natürlich nur im übertragenen Sinne. Tatsächlich jedoch fotografierten wir bei weit geöffneter Blende mit Zeiten ab einer sechzehntel bis hin zu einer Sekunde. Der Tri-X-Pan, mit seinen damals 27 DIN, heute 400 ASA, war bei entsprechender Entwicklung sehr geduldig, und wir erzielten erstaunliche Ergebnisse, die als bildnerische Ergüsse in unsere Mappe „Bergkamener Perspektiven” mit 10 Serigrafien Aufnahme fanden .
Der Obersteiger war ein großer Mann von sicherlich 1,90 m, ruhig, fast abgeklärt. Er erklärte uns die Sicherheitsbestimmungen und gab auf jede Frage kompetent Auskunft. Da wir Blitze nicht benutzen durften, schleppte er eine explosionsgeschützte Batterie mit einer entsprechenden Lampe für uns mit. Die ganze Vorrichtung wog bestimmt 50 Kilo und meine Hochachtung vor ihm wuchs ins Grenzenlose, als er mit einer lockeren, lässigen Bewegung seiner Hände und Arme unser Licht schulterte. Kein Wunder, waren doch seine Hände doppelt so groß wie die meinigen und hatte er doch Unterarme mit dem Durchmesser meiner Oberschenkel.Als wir nach vier oder fünf Stunden diese verwirrende Welt mit ihren hunderte Kilometer messenden Streckennetz der Grubenbahnen mit ihren Bahnhöfen auf den verschiedenen Sohlen wieder verließen, waren wir vom Kohlenstaub gesättigt, hatten mehrere Liter Flüssigkeit verloren, waren völlig ausgelaugt und hundemüde. Erneut wallte Respekt auf vor diesen Menschen, die jeden Tag eine ganze Schicht bei Schwerstarbeit unter Tage verbrachten. Wir erblickten das Licht der Welt – fast eine zweite Geburt – und duschten in der Waschkaue gemeinsam mit dem Obersteiger und dem Direktor des Bergwerkes, der es sich nicht hatte nehmen lassen, uns zu begleiten. Von Öffentlichkeitsarbeit jedenfalls verstand dieser Mann eine ganze Menge. Bei dem anschließenden Genuss von Bratheringen und einigen heimischen Bieren Pilsener Brauart kippte die Stimmung in einen fast euphorischen Rausch, so sehr hatten uns die vielfältigen neuen Eindrücke beeinflusst.Die Ausbeute an interessanten Bildmotiven war erstaunlich vielfältig. Wir kombinierten die Untertagebilder mit Motiven, die wir über Tage schossen. Das eigentlich Reizvolle war aber, die Synthese von Luftbildaufnahmen aus der Gegend um und in Bergkamen mit genau darunter befindlichen Motiven mit Menschen auf Straßen und Plätzen. Somit ergab sich bei einigen Blättern ein 3-Schichten-Modell innerhalb unserer subjektiven Abbildung von Realität: Luftbild – Erdbild –Untertagebild, passend zum Thema des 4. Bergkamener Bilderbasars „Landschaft”.
Die Produktion der Mappe erwies sich als ebenfalls schweißtreibende Orgie von Arbeit. 10 Blätter im Format 50 x 75 cm im Zwei- bis Fünffarbsiebdruck in einer Auflage von 35 Stück herzustellen heißt, ungefähr 1.400 Druckvorgänge bewältigen. Im Vorfeld natürlich die Repros und das entsprechende Composing der Filme, die allesamt im Dreierteam entstanden. 40 Siebe im A1-Format galt es, zu belichten und zu entwickeln. Nach ungefähr sechs Wochen intensiver Arbeit im Handsiebdruck waren die signierten Mappen fertig und wir konnten tatsächlich termingerecht zu dritt zur Eröffnungsveranstaltung in Bergkamen erscheinen. Jörg hing zusätzlich in einem Möbelgeschäft einige seiner überlebensgroßen Bergmannsbilder auf, die er damals malte. Die Mappe wurde in einem der Zelte der gleichzeitig stattfindenden Ausstellung „Bergkamen – baue, wohne und wirtschafte zeitgemäß” platziert. Insgesamt hatte der Bergkamener Bilderbasar ja den Anspruch, den elitären Kunstzirkeln ein mehr volksnahes Verständnis von Kunst entgegenzusetzen. So präsentierte Will Cassel „Gartenzwerg” seine weißen Gartenzwerge direkt auf der Straße am Bordstein, so hing Friedel Deventer mit seinen politischen Collagen in einem Friseurgeschäft. Wie auch immer: Wir hatten jeden Tag mehrere hundert interessierte Menschen als Publikum. Fritz und ich betreuten die Ausstellung vom 7. bis 13. September. Da wir kein Geld fürs Hotel ausgeben konnten und uns abends lieber ein gutes Bier zur Pizza gönnten, schliefen wir in meinem NSU 1200 C auf heruntergelassenen Liegesitzen. Entsprechend gerädert waren wir immer am nächsten Morgen. Ein blonder Engel – ihren Namen weiß ich nicht mehr – erbarmte sich unser, und wir durften bei ihr zuhause duschen und uns rasieren. Nach drei Tagen im NSU ein mehr als göttliches Erlebnis, zumal sie uns im Anschluss an die Säuberung ein wahrhaft fürstliches Frühstück bereitete. Fritz und ich streiten uns heute noch darüber, in wen von uns beiden sie verliebt war. Vielleicht mochte sie uns ja beide?